Thema: Mißbrauch
EKHN ruft auf: Missbrauch melden - Null-Toleranz bei Übergriffen
Sexueller Missbrauch kann einen Menschen an Leib, Seele und Persönlichkeit schwer schädigen. Solche Vorgänge sind immer schlimm und müssen von allen aufmerksam und einfühlsam ernst genommen werden. Wenn sie dann noch im Bereich einer Kirche geschehen, wiegt das besonders schwer. Deshalb bekräftigt die EKHN aus Anlass der aktuellen Diskussion ihre seit langem praktizierte Null-Toleranz-Einstellung gegenüber jeder Art sexueller Übergriffigkeit. Und sie bittet Menschen, die in einer der Einrichtungen der EKHN Opfer solcher Übergriffe geworden sind, sich zu offenbaren.
Ein Fall auch in der EKHN
Auch in der EKHN wurde am Freitag ein Fall von sexuellem Missbrauch bekannt. Der pensionierte Pfarrer Dieter Frey hat eingeräumt, Anfang der 80er Jahre in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis) mit einem Jungen seiner Gemeinde Kontakte gehabt zu haben, "die sexuell übergriffig und mit dem Dienst eines Pfarrers nicht vereinbar waren". Der 1993 nach Idstein gewechselte Pfarrer habe den Vorfall eingeräumt, so Kirchensprecher Stephan Krebs. Die Kirchenverwaltung werde vorschlagen, staatsanwaltliche Ermittlungen und ein Disziplinarverfahren einzuleiten.
Kirchenleitung spricht gegen Idsteiner Pfarrer förmliche Missbilligung aus
Kuhlmann bittet Opfer um Verzeihung
Die Kirchenleitung hat auf ihrer Sitzung am Donnerstag gegen den Idsteiner Pfarrer Martin Kuhlmann eine „förmliche Missbilligung" ausgesprochen. Kuhlmann hatte vor etwa vier Jahren auf eine Email nicht reagiert, in der seinem Kollegen sexueller Missbrauch vorgeworfen worden war. Die Kirchenleitung stellte nun fest, dass seine damalige Untätigkeit ein Fehlverhalten war. Pfarrer Kuhlmann hat sich heute in einem Schreiben an den damaligen Verfasser der unbeantworteten Email gewandt und erläutert, „dass die damaligen Vorwürfe in keiner Weise zu meinem Bild, das ich von meinem Kollegen hatte, passten. Ich konnte mir das unfassbare, was sie erlebt haben, nicht vorstellen. Ich bin damit an Ihnen schuldig geworden und kann Sie daher nur um Verzeihung bitten." Die Kirchenleitung verwies in der Begründung für die von ihr ausgesprochene Missbilligung auf die Dienstpflichten eines Pfarrers. „Die Schilderung von sexuellen Übergriffen eines Pfarrkollegen, die sich nicht lediglich im Stadium von Andeutungen bewegt, die auch nicht anonym erfolgt und die ihm nicht seelsorgerlich anvertraut worden war, hätte Pfarrer Kuhlmann ernst nehmen und einer Aufklärung zuführen müssen. Diese Dienstpflicht hat Pfarrer Kuhlmann verletzt." Seine Aufgabe wäre es gewesen, den Dienstvorgesetzten darüber zu informieren. Die Kirchenleitung hielt Kuhlmann zu gute, dass er sein Fehlverhalten sofort, als er es erkannte, öffentlich zugegeben und bedauert hatte und nun die Problematik des sexuellen Missbrauchs vor Ort aktiv unterstützt.
Kommission gibt Empfehlungen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch
Zweite Strafanzeige gestellt
> Pressemitteilung der EKHN vom 23. März 2010
Wort von Pfarrer Eisele zum Thema "Mißbrauch"
"Ich bin persönlich tief enttäuscht und entsetzt und wütend. Für viele Menschen, die der Kirche und ihren Seelsorgern vertrauen, wird dieses Vertrauen in Frage gestellt. Deswegen bin ich froh, dass unsere Landeskirche in aller Offenheit damit umgeht und es eine Null-Toleranz in dieser Frage gibt. Jetzt muss schonungslos ohne Ansehen der Person aufgeklärt werden. Und es muss dafür vorgesorgt werden, dass sich solche Fälle nicht wiederholen. Dazu gehört, dass in den Gemeinden - auch bei uns - offen gesprochen wird." Pfarrer Markus Eisele
Weitergehende Informationen (zusammengestellt vom Hessischen Rundfunk)
Sexueller Missbrauch - Wie schütze ich mein Kind?
Die Liste wird immer länger, immer neue Fälle von Missbrauch kommen ans Tageslicht. Viele Opfer brechen ihr Schweigen. Was bleibt, ist die Scham - und eine Entschuldigung der Kirche. Aber
Missbrauch betrifft nicht nur die Kirche.
Leidtragende sind die Opfer, die unter dem Missbrauch ein Leben lang leiden. Psychologen sagen: Sexueller Missbrauch ist "Mord an der Seele."
Schutz vor Missbrauch bedeutet die Sensibilisierung des Kindes. Aber wie bereite ich mein Kind auf potenzielle Missbrauchssituationen vor? Wie erkläre ich ihm, wann etwas ungewöhnlich ist im
Verhalten von Erwachsenen?
Ursula Enders von der Kölner Beratungsstelle "Zartbitter", einer der führenden Organisationen gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen in der Bundesrepublik, erklärt, wie Täter ihre Taten
ganz strategisch ausführen: "Nach der Kontaktaufnahme mit potenziellen Opfern praktizieren missbrauchende Mitarbeiter (Mitarbeiterinnen) aus Institutionen oftmals schwer zu erkennende sexuelle
Grenzüberschreitungen. Sie prüfen die Widerstandsfähigkeit der potenziellen Opfer."
Ganz wichtig sei, Kinder stark zu machen und Ihnen zu sagen, dass jeder das Recht hat, sich zu wehren und abzugrenzen. Kinder müssten wissen, dass Hilfe holen keinen Verrat darstelle. Endres
weiß, dass Täter und Täterinnen gezielt widerstandsschwache Mädchen und Jungen auswählen und versuchen deren Wahrnehmung zu vernebeln. "Schritt für Schritt betten sie die sexuellen
Grenzüberschreitungen in alltägliche Arbeitsabläufe ein und etikettieren diese Verletzungen der persönlichen Integrität der Opfer anschließend als normal."
Zum Davonlaufen
Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist zum Davonlaufen: Kein Tag, an dem es keine neue Enthüllung über Missbrauch in der Kirche oder in Bildungseinrichtungen gibt.
Erschüttert stellen wir fest, dass sich auch in unserer Region Menschen gemeldet haben, die sexuell missbraucht wurden. Ihnen wurde schlimmer Schaden zugefügt. Das wiegt in der Kirche besonders schwer, denn Kirchen wollen zum Wohl von Leib, Seele und Persönlichkeit von Menschen beitragen. Den Opfern gegenüber habe ich ein tiefes Mitgefühl. Ich bin persönlich entsetzt und wütend und auch enttäuscht über die Abgründe, die sich vor uns auftun. Für viele Menschen, die der Kirche und ihren Seelsorgern vertrauen, steht dieses Vertrauen nun in Frage. Deshalb bin ich froh, dass unsere Landeskirche in aller Offenheit damit umgeht und es eine Null-Toleranz in dieser Frage gibt. Es darf kein Vertuschen geben.
Es ist zum Davonlaufen. Auch und gerade, weil wir es mit einem Missstand zu tun haben, der weit größer ist, als bislang diskutiert. Der Kinderschutzbund geht davon aus, dass jährlich viele tausend Kinder und Jugendliche missbraucht werden.
Nur indem wir in den Gemeinden - auch bei uns - offen über Missbrauch reden, können wir vorsorgen, dass sich solches nicht wiederholt. Wir müssen junge Menschen ermutigen, sich gegen Übergriffe zu wehren. So kann der Druck auf potenzielle Täter erhöht werden, entdeckt zu werden. Und schließlich müssen wir als Gesellschaft neu lernen, Sexualität in ethischer Verantwortung zu leben. Ohne falsche Tabus, aber auch ohne falsch verstandene Freiheiten.
Es ist zum Davonlaufen. Und tatsächlich ist Weglaufen, Wegschauen, Ignorieren, Verleugnen oder Kleinreden, ein sehr typischer Affekt in einer Krise. Wir alle kennen diesen Impuls, wenn wir vor großen Probleme stehen. Aber natürlich ist Davonlaufen keine Option. Kein Problem wird dadurch gelöst, kein Weg in die Zukunft beschritten.
Davonlaufen, so war auch den Jüngern Jesu am Karfreitag zumute. Als Jesus festgenommen worden war, verurteilt, gemartert und getötet. Die meisten der Jünger hatten zunächst nicht den Mumm, sich der Situation zu stellen. Sie flüchteten sich in Ausreden, ins Untertauchen, ins Vergessen.
Erst nachdem Gott am Ostermorgen wundersam in die Geschichte eingegriffen hatte, fanden sie Zug um Zug den Mut, sich der Wahrheit des Todes und der Schuld zu stellen.
Menschheitsgeschichte - das wissen wir - ist immer schuldbeladen. Aber wie mit Schuld und Fehlern umgegangen wird, das macht den entscheidenden Unterschied. Wo Schuld - mittelbare oder unmittelbare - nicht gesehen und angenommen wird, da fehlt auch jede Möglichkeit der Heilung. Ostern macht uns Mut, offen und offensiv mit allem Unguten umzugehen. Vielleicht - so denke ich manchmal - hätte Gott allen Grund, davonzulaufen. Stattdessen hat er aber den Weg einer unglaublichen Hingabe gewählt.
Ostern bedeutet für mich: Gerade die Dunkelheiten dieser Welt will Gott hell ausleuchten. Gott bleibt an der Seite der Missbrauchten, an der Seite der Kinder, die gequält und geschlagen werden, an der Seite der Kinder, die missbraucht werden, an der Seite aller, deren Vertrauen verachtet und ausgenutzt wird.
Ostern bedeutet für mich: Gott erträgt das Leiden, das wir Menschen uns gegenseitig zufügen, er wendet sich nicht von uns ab, sondern will uns grundlegend verändern.
Ostern bedeutet für mich: Gott steht den Leidenden bei,
er kann die Wunden heilen, die noch nach Jahrzehnten schmerzen. Seine Lebenskraft ist stärker als alle böse Gewalt.
Ostern bedeutet für mich: Ein besseres Zusammenleben von Menschen ohne Trug und Falsch ist möglich. Gottes Verheißung gilt. Weil ich diese Hoffnung im Herzen trage, muss ich nicht davonlaufen.
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest
Ihr Pfarrer Markus Eisele
Das Unaussprechliche zur Sprache bringen
"Weißt du, was Jesus aus deinem Leben machen kann? Er öffnet dir die Lippen und du sprichst aus, was keiner sagt." So heißt es in einem Ostergedicht des Theologen und Schriftstellers Lothar Zenetti (Lothar Zenetti, "Weißt du" in: "Leben liegt in der Luft", Worte der Hoffnung, Grünewald –Verlag, Ostfildern 2007). Als ich’s las, kam es mir doch wie frommer Schmus vor.
Dass einer ausspricht, was sonst keiner sagt – wann passiert das denn? Selbst in vertrauten Beziehungen gibt es Sprachtabus. Und gewiss sind Christinnen und Christen nicht redemutiger als andere Menschen. Im Gegenteil: Gerade, weil unsereins ja lieb sein will, bleibt die Kommunikation oft verhalten und das Unangenehme besser unter der Decke. Dazu gehörte lange auch alles, was mit Sexualität zu tun hat. Nun ist ans Licht gekommen, was in den letzten Jahrzehnten sogar an Straftaten unter der Decke blieb: An vielen christlichen und auch an anderen Schulen hat es Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen gegeben. Wir sind entsetzt: Wie konnte es sein, dass darüber so lange geschwiegen wurde?
Reden lohnt sich
Darüber kann man sich zu Recht empören – muss sich aber doch auch fragen, wie es um den eigenen Redemut bestellt ist: Mache ich immer den Mund auf, wenn sich meine Leute offenbar aufs Schweigen geeinigt haben? Gebietet es nicht auch die Vernunft, das eigene Nest zu schützen, zumal in einer Mediengesellschaft, wo man immer damit rechnen muss, dass die Wellen der Häme hochgehen, wenn ein Missstand bekannt wird? Auch der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs Klaus Mertes wird gewusst haben, dass harte Zeiten auf seine Kirche zukommen, wenn er öffentlich über den sexuellen Missbrauch spricht, den es an seiner Schule gegeben hat. Er wird geahnt haben, dass die Journalisten alles ausgraben werden, was man zum Thema Kirche und Sex nur ausgraben kann. Dass sich viele empört von der Kirche abwenden werden. Dass der gute Ruf katholischer Schulen schwer ramponiert sein wird. Das alles wird er gewusst haben – und er hat’s trotzdem getan.
So kam die Debatte in Gang, die dafür gesorgt hat, dass nun endlich alle darüber nachdenken müssen, wie Kinder und Jugendliche vor den Übergriffen der Erwachsenen geschützt werden können. Es wird nach allem, was ans Tageslicht gekommen ist, wohl bessere Kontrollen geben, mehr Möglichkeiten für die Kinder, sich zu wehren, weniger Schutz für die Täter. Das Reden hat sich gelohnt. Und ich glaube Klaus Mertes, wenn er auf die Frage, ob er seiner Kirche nicht geschadet habe, einfach sagt: „Nein. So hätte doch Jesus auch agiert.“(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 7.2.2010, Klaus Mertes im Interview mit Antje Schmelzer)
„Er öffnet dir die Lippen und du sprichst aus, was keiner sagt.“ Es ist doch nicht bloß frommer Schmus, denke ich jetzt. Es dauert zwar immer lange, aber wenn die Zeit reif ist, dann traut sich einer – und es kommt etwas Befreiendes in Gang. Es geht um die Opfer, hat Klaus Mertes betont, es geht darum, dass sie endlich sprechen dürfen. Denn das Furchtbare am sexuellen Missbrauch ist ja, dass er die Kinder in einem tiefen Sinn sprachlos macht – nicht nur, weil die Tabuschranken so hoch liegen, sondern auch, weil ein Kind einfach keine Worte finden kann für das, was geschieht, wenn es von einem Erwachsenen sexuell überwältigt wird.
Worte für das Unaussprechliche
Es war der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der es nun gewagt hat, dafür die Worte zu finden in einem anrührenden Text, den er Anfang dieser Woche veröffentlicht hat (Bodo Kirchhoff, Sprachloses Kind, Der Spiegel, 15.3.2010). Gleich hat man auch ihn als „Sexopfer“ durch die Medien gejagt – und hätte ihn doch als souveränen Befreier würdigen müssen, weil er das Unaussprechliche zur Sprache gebracht hat. Er hat sich zu Wort gemeldet, damit auch andere ihre Lippen öffnen können, Worte finden für das, was auszusprechen nicht erlaubt scheint – und er denkt dabei nicht nur an die Missbrauchsopfer. Es macht mir Mut, dass es Menschen gibt wie Bodo Kirchhoff und Klaus Mertes, die das Geschwätz nicht fürchten und einfach die Wahrheit sagen. Mir ist wieder klar geworden, wie wichtig es ist, dass wir uns gegenseitig das Sprechen ermöglichen, das Sagen der eigenen Wahrheit.
Die Morgenandacht von Pfarrerin Angelika Obert wurde am 19. März als Sendung der evangelischen Kirche im Deutschlandfunk gesendet. Morgenandachten aus den katholischen und evangelischen Kirchensendungen gibt es von Montag bis Samstag von 6.35 bis 6.40 Uhr.
Über die Autorin:
Angelika Obert wurde 1948 geboren. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und der Germanistik besuchte sie eine Schauspielschule, bevor sie Pfarrerin der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz wurde. Seit 1993 ist sie Rundfunk- und Filmbeauftragte ihrer Landeskirche. Sie ist für die evangelischen Hörfunk- und Fernsehsendungen beim
Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) verantwortlich. Als Autorin gestaltet sie auch Sendungen für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.

